Deutschland umsonst

Deutschland umsonst - nach Michael Holzapfel

 

Lektion 1

Lange bevor der Wecker klingelt, bin ich wach. Die Sachen liegen gepackt vor dem Fenster. Freda schläft noch. Ohne daß sie etwas merkt, steige ich aus dem Bett. Ich dusche, putze mir die Zähne, auf das Rasieren kann ich ab heute verzichten. Freda wacht auf. Schweigend frühstücken wir. Mit meinen Gedanken bin ich schon unterwegs. An der Tür umarmen wir uns. Erleichtert verlasse ich das Haus.

 

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Lektion 2

Mein erster Weg führt mich ins Tierheim. Viele Hundeaugen hinter Gittern empfangen mich. Die Hunde werfen sich bellend gegen ihre Käfige. Wie soll ich hier nur meinen Weggefährten finden? Im letzten Käfig liegt ein hellbrauner Hund auf dem Beton und beobachtet die anderen Hunde scheu und zitternd. Die grüne Karte, die am Käfig hängt, gibt Auskunft über den Hund:
Geschlecht: männlich;
Alter: ½ Jahr;
Name: unbekannt;
Notiz: mag nicht Autofahren
– darum entscheide ich mich für ihn.
 

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Lektion 3

Zehn Minuten später zerrt mich der Hund an einer Schnur ins Freie. Er zieht mich von Baum zu Baum, die Straße hinab. Vor der Elbbrücke muss ich erschöpft am Straßenrand Rast machen; doch der Hund gibt keine Ruhe. Mit wedelndem Schwanz riecht er an jedem Grashalm und Gänseblümchen. Im Tierheim hatte mich die Tierpflegerin gewarnt: „Der war noch nie draußen“. Bevor es auf Hamburgs Straßen weitergeht, taufe ich den Hund mit einer Scheibe Wurst auf den Namen Feldmann.

 

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Lektion 4

Die Elbbrücke führt mich und Feldmann auf einem schmalen Bürgersteig aus der Stadt. Autos kommen uns auf drei Spuren entgegen. Es ist Vormittag, die Leute müssen zur Arbeit. Plötzlich endet der Bürgersteig. Kein Schild und kein Hinweis, wir sind die einzigen Fußgänger. Feldmann schaut fragend zu mir hoch, aber ich bin so ratlos wie er. Auf der anderen Seite geht der Bürgersteig weiter, aber die Autos versperren uns den Weg. Erst als ein Stau kommt, kann ich es wagen. Ich nehme den Hund auf den Arm und überquere die Straße. Manche Autofahrer hupen und schütteln den Kopf. Weiter geht es auf der großen Straße nach Harburg. Viele Menschen gehen an uns vorbei, aber ich sehe sie nicht an. Ich spüre die Rucksackträger auf meinen Schultern und das Kopfsteinpflaster unter meinen Füßen.

 

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Lektion 5

Erst am Nachmittag, die Sonne steht schon tief, wird die Stadt weniger. Weniger Autos auf schmaleren Straßen, kleinere Häuser, auf den Kanälen teure Motorboote. Hinter mir in der Ferne, ragt der Fernsehturm aus dem Dunst. Viel früher als erwartet, bin ich in der Fremde. In einer Telefonzelle rufe ich Freda an. „Ich muss dich irgendwo treffen, vielleicht im Sommer am Rhein“ sage ich. Sie zögert und sagt dann: „Mal sehen“. Ich nehme das dankbar als feste Zusage. Meine Angst vor dem Alleinsein ist erst einmal verkleinert.
 

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Lektion 6

Am Rande einer monotonen Neubausiedlung, nicht weit von einer lärmenden Autobahn, lockt ein kleiner Obstbaumgarten. Ein Blick über die Schulter genügt, um sicherzugehen, dass wir unbeobachtet sind. Die hölzerne Pforte ist nur angelehnt. Zwischen zwei kleinen Bäumen lasse ich den Rucksack ins Gras fallen und sofort fühle ich mich leicht und frei. Ich binde Feldmann von seiner Leine. Erst zögert der Hund, dann jagt er über das Gelände. Ich sinke erschöpft in die weiche Frühlingswiese und lege mich auf den Bauch. Ich bin verschwitzt, das Gras ist angenehm kühl.
 

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